Die Zeittafel

15.-13. Jh. v. Chr.
Erste überlieferte Erwähnung einer Staatenbildung im Armenischen Hochland: Hajassa im Dreieck der heutigen Städte Erzincan, Trapesunt und Erzurum, daher die Eigenbezeichnung haj (Armenier) bzw. hajastan (Armenien)

Mitte 9. Jh.-640 v. Chr.
Königreich Urartu (Eigenbezeichnung: Biainili) mit Residenz am Wansee

570-2. Jh. v. Chr.
Armenische Dynastie der Jerwandiden herrscht als Statthalter der Meder und Perser über Armenien

Um 190 v. Chr.
Armenische Königsdynastie der Artaschiden

95-55 v. Chr.
Herrschaft von Tigran II. (der Große) Artaschjan, um das Jahr 70 v. Chr. erlangt Armenien die größte Ausdehnung seiner Geschichte, unter Einschluß Kilikiens und Nordsyriens

53 n. Chr. 428
Königsdynastie der ursprünglich parthischen Arschakiden (Arschakuni)

301
Grigor Lussaworitsch ("der Erleuchter") bekehrt König Trdat III. (den Großen), der das Christentum zur Staatsreligion erhebt. Armenien gilt als ältester christlicher Staat

387
Erste persisch-oströmisch/byzantinische Teilung Armeniens

405
Mesrop Maschtoz entwirft das Nationalalphabet. Es erlaubt die Übersetzung der Bibel (433) und bildet die Grundlage für das reiche Schrifttum im Mittelalter. Das 5. Jahrhundert gilt als "Goldenes Zeitalter" der altarmenischen Literatur

26.5.451
Armenisch-persische Glaubensschlacht bei Awarajr, Märtyrertod des Feldherrn Wardan Mamikonjan

451
Erste Spaltung der christlichen Kirche auf dem Konzil von Chalcedon; die Schlacht bei Awarajr verhindert Teilnahme der Armenier am Konzil. Auf späteren Synoden (Dwin 505/6 und 554) verwirft die armenische Kirche die Konzilsbeschlüsse und gehört mit Syrern, Kopten und Abessinern zu den sogenannten vorchalcedonensischen ("altorientalischen") Kirchen

591
Zweite byzantinisch-persische Teilung Armeniens

Herbst 640
Arabische Invasion in Armenien, das bis 885 von arabischen Statthaltern regiert wird

885-1045
Armenische Dynastie der Bagratiden (Bagratuni) in Nordostarmenien: Königreich Schirak mit der Hauptstadt Ani

908-1021
Armenische Dynastie der Artsruni in Südwestarmenien: Königreich Waspurakan mit der Residenz auf der Insel Achtamar (Wansee)

19.8.1071
Sieg der Seldschuken über die Byzantiner bei Manaskert (Manzikert). Armenien gerät erstmals unter türkische Herrschaft. Massenflucht nach Kleinarmenien und Kilikien. Entstehung armenischer Exilgemeinden

1080
Ruben (aus dem Geschlecht der Bagratiden) gründet in Oberkilikien eine Baronie. Im Schutz der benachbarten Kreuzfahrerstaaten regieren er und seine Nachfolger Kilikien als Barone, seit der Krönung Lewons I. Rubenjan (6.11.1198) als Könige. Durch Einheirat lösen 1226 die Hetumiden (Hetumjan) die Rubeniden ab

Um 1200-1236
Im Schutz des georgischen Großreiches wirtschaftliche und kulturelle Renaissance in Nordostarmenien

1236
Mongolen erobern Armenien

1342-1375
Durch Einheirat übernehmen die französischen Lussinjan (Lusignan) aus Zypern den armenisch-kilikischen Königsthron

1375
Die ägyptischen Mameluken erobern die kilikisch-armenische Hauptstadt Sis

1386, 1387, 1390er Jahre
Timur Lenk ("Tamerlan") verwüstet Armenien

1410-1502
Herrschaft der turkmenischen Kara und Ak Kojunlu über Armenien

29.5.1453
Der osmanische Sultan Mehmet II. Fatih (der Eroberer) nimmt die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel ein

1472
Der Großteil Armeniens gerät unter persische Herrschaft

1487
Osmanen erobern Kilikien

23.8.1514
Persisch-türkische Schlacht bei Tschaldiran (Caldiran): Osmanen erlangen die Hälfte Armeniens, Sultan Selim I. läßt kurdische Nomaden in den Neueroberungen ansiedeln

1555
Vertrag von Amassia: Erste persisch-türkische Teilung Armeniens

1639
Vertrag von Diyarbakir: Zweite Teilung Armeniens zwischen dem Osmanischen Sultanat und dem Iran, dem nur die ostarmenischen Chanate Jerewan und Nachitschewan bleiben

Oktober 1827
Rußland erobert Ostarmenien

1839-1876
Tanzimat-(Reform-)Periode: Bei verschiedenen Anlässen verkünden osmanische Sultane die rechtliche Gleichstellung der Christen, ohne das millet-System aufzuheben

13.7.1878
Mit dem Berliner Friedensvertrag regeln die sechs europäischen Großmächte die Folgen des russisch-türkischen Krieges (24.4.1877-31.3.1878): Rußland behält (bis 1917) die armenischen Bezirke Kars und Ardahan. Artikel 61 des Vertrages verpflichtet das Osmanische Sultanat zu Reformen in seinen "armenischen Provinzen", wodurch Westarmenien zum internationalen Streitobjekt wird

1881-1890
Gründung armenischer Befreiungsorganisationen und Parteien

1894-1896
Staatlich gelenkte Armenierpogrome mit 300 000 Opfern unter dem despotischen Sultan Abdul Hamid (Abdülhamit) II. (1876-1908)

April 1909
Armenierpogrom in Kilikien (30 000 Opfer)

Ende März 1915 bis Februar 1917
Unter Kriegsbedingungen organisiert die (jung)türkische Regierungspartei Ittihat ve Terakki Cemiyeti (Komitee für Einheit und Fortschritt) Massaker und die Deportation der armenischen Bevölkerung des Osmanischen Sultanats. Knapp zwei Drittel (1,5 von 2,5 Millionen nach amtlicher deutscher Schätzung) fallen der systematischen Vernichtung zum Opfer [mehr...]

28.5.1918
In Ostarmenien erklärt sich das ehemals russische Gouvernement Jerewan zur unabhängigen Republik Armenien

10.8.1920
Der Friedensvertrag von S?res sichert der Republik Armenien große Teile Westarmeniens. Bevor er verwirklicht werden kann, greift die türkische Nationalistenregierung unter Mustafa Kemal am 23. September 1920 die Republik Armenien an

2.12.1920
Unter dem Eindruck militärischer Niederlagen gegen die Türkei und des drohenden politischen Bankrotts überträgt die armenische Regierung die Staatsgewalt einem prosowjetischen militärischen Revolutionskomitee. Unterbrochen durch Aufstandsversuche der verfolgten Anhänger der Vorgängerregierung und der unzufriedenen Bevölkerung Sangesurs, beginnt die bis zum Sommer 1921 abgeschlossene Sowjetisierung Armeniens

16.3.1921
Vertrag von Moskau: Sowjetrußland verzichtet über die Köpfe der Armenier hinweg auf Westarmenien und unterstellt das historische armenische Gebiet Nachitschewan (sowjet) aserbeidschanischem "Protektorat"

5.7.1921
Das Kaukasische Büro (Kawbjuro) des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Rußlands beschließt, das armenische Gebiet Arzach (Karabach) unter (sowjet)aserbeidschanische Verwaltung zu stellen

24.7.1923
Türkisch-alliierter Friedensvertrag von Lausanne: Die westlichen Siegermächte des Ersten Weltkriegs verzichten stillschweigend auf eine armenische "Heimstatt" in Westarmenien oder Kilikien. Armenier in der Türkei werden nur noch als religiöse Minderheit, nicht aber als Volksgruppe geduldet

1936-1939
Stalinistische "Süuberungen": Massenhafte Festnahmen, Willkürurteile, Verbannung und Ermordung armenischer Intellektueller

1973-1985
Anschläge armenischer Untergrundorganisationen, hauptsächlich auf türkische Einrichtungen und Diplomaten aus Protest gegen das internationale "Verbrechen des Schweigens"

1983-1987
Unter dem Eindruck armenischer Anschläge verurteilen internationale Gremien (Weltkirchenrat, UN-Menschenrechtskommission, Europäisches Parlament)den türkischen Genozid von 1915

20.2.1988
Der Gebietssowjet des Autonomen Gebiets Berg-Karabach beschließt die Angliederung an (Sowjet-)Armenien. Beginn von Massenbewegungen für größere nationale Selbstbestimmung

1988 und 1990
Armenierpogrome in den aserbeidschanischen Städten Sumgait, Kirowabad (Gandscha) und Baku. Fast sämtliche Armenier (350 000) fliehen aus Aserbeidschan, ebenso die aserbeidschanische Minderheit aus Armenien (ca. 200 000)

7.12.1988
Das heftigste Erdbeben der Neuzeit vernichtet Nordarmenien. Nach offiziellen Angaben 23 000 Todesopfer, nach inoffiziellen Schätzungen 50 000-80 000

4.9.1989
Beginn der aserbeidschanischen Blockade- und Embargomaßnahmen gegen Armenien, seit 1992 von der Türkei unterstützt. Sie führen zum Zusammenbruch der Wirtschaft und zu einer anhaltenden Sozialkrise, über eine Million Menschen verläst im Zeitraum 1990-1996 Armenien

4.8.1990
Lewon Ter-Petrosjan (HHSch) wird in freien Wahlen zum ersten nichtkommunistischen Parlamentspräsidenten seit 1920 gewählt (Wahl zum Staatspräsidenten am 16.10.1991 mit etwa 83 Prozent der abgegebenen Stimmen)

6.4.-6.6.1991
"Operation Ring": OMON-Angehörige Aserbeidschans vertreiben mit sowjetischen Streitkräften bis zu 10 000 Armenier aus 25 Dörfern; Ansiedlung von Aserbeidschanern, schwerste Menschenrechtsverletzungen (Verschleppungen, Folter, extralegale Tötungen von Armeniern)

2.9.1991
Als Reaktion auf den Austritt Aserbeidschans aus der UdSSR erklärt sich Arzach mit dem nördlich angrenzenden Bezirk Schahumjan zur unabhängigen Republik

21.9.1991
92 Prozent der Wähler stimmen bei einem Volksentscheid für Armeniens Austritt aus der UdSSR

10.12.1991
98,2 Prozent der Wähler stimmen für die Unabhängigkeit Berg-Karabachs von Aserbeidschan

Dezember 1991 bis Mitte Mai 1994
Aserbeidschan versucht, Karabach zurückzuerobern. Im Verlauf des Krieges gelingt es den Arzacher Einheiten, mit Ausnahme des Nordens sämtliche angrenzenden Bezirke einzunehmen und strategisch optimale Positionen zu erlangen

erste Hälfte 1992
Unter Blockadebedingungen Privatisierung der Landwirtschaft in der Republik Armenien

seit 1992
Die Suche der OSZE (vormals KSZE) nach einer dauerhaften Friedensregelung im Arzach-Konflikt scheitert bislang an den sich wechselseitig ausschließenden Standpunkten der Konfliktparteien

1994-1995
Innenpolitische Krise in der Republik Armenien. Vom Dezember 1994 bis Herbst 1995 Festnahmen von Mitgliedern und Sympathisanten der Oppositionspartei Daschnakzutjun, am 28.12.1994 per Präsidentenerlaß Verbot der Partei und ihrer Medien, Beeinträchtigungen der Pressefreiheit

22.9.1996
Umstrittene Wiederwahl Ter-Petrosjans zum Präsidenten. Tumulte dienen als Vorwand für Repressionen gegen Oppositionsparteien und deren Abgeordnete. Etwa 200 Personen werden vorübergehend festgenommen

3.2.1998
Erzwungener Rücktritt Ter-Petrosjans und Ernennung des bisherigen Regierungschefs Robert Kotscharjan zum Amtierenden Staatspräsidenten; aus vorgezogenen Neuwahlen geht Kotscharjan nach zwei Wahlrunden am 16. sowie 30.3.1998 als Sieger hervor. Er lässt umgehend die von seinem Vorgänger verbotene Partei Daschnakzutjun wieder zu, die ihn seither politisch unterstützt

27.10.1999
Bei einer parlamentarischen Fragestunde erschießen der politische Journalist Nairi Hunanjan sowie vier mit ihm verwandte oder befreundete Mittäter im Plenarsaal der Armenischen Nationalversammlung den erst am 11.6.1999 ernannten Regierungschef und vormaligen Verteidigungsminister Wasgen Sargsjan, den Parlamentspräsidenten Karen Demirtschjan sowie dessen Stellvertreter, den Energieminister sowie den Minister für operative Fragen und drei weitere Opfer; die Putschisten nehmen zahlreiche Abgeordnete als Geiseln, geben jedoch am 28.10. unblutig auf. Die in der Geschichte der Republik Armenien bisher größte politische motivierte Straftat lässt eine bereits längere Zeit schwelende, mehrmonatige Krise zwischen dem Staatspräsidenten und dem damaligen Sicherheitsminister Serge Sargsjan einerseits, auf der anderen Seite dem Verteidigungsministerium aus

Januar 2001
Dabei gelingt es Kotscharjan, sich durchzusetzen. Armenien und Aserbeidschan werden Mitglieder des Europarates. Aufnahme in die Welthandelsorganisation (WTO)

2003
Bei von der politischen Opposition sowie der OSZE kritisierten Wahlen (5. und 20.3.2003) wird Kotscharjan erneut zum Staatspräsident gewählt. Die gegen ihn gerichtete Protestbewegung findet bei Demonstrationen und Kundgebungen im April 2004 ihren Höhepunkt, als die Opposition in Armenien erfolglos versuchte, nach georgischem Vorbild das Staatsoberhaupt bei einer "Rosenrevolution zu stürzen

16.06.2005
Mit seinem Beschluß "Erinnerung und Gedenken an die Vertreibungen und Massaker der Armenier von 1915 - Deutschland muss zur Versöhnung zwischen Armeniern und Türken beitragen" (BT-Drucksache 15/5689) erkennt der deutsche Gesetzgeber implizit den Völkermord an den armenischen Bürgern des Osmanischen Reiches an und bekennt sich zur Mitverantwortung Deutschlands


Die Zeittafel wurde mit freundlicher Genehmigung der Autorin entnommen aus:
© Tessa Hofmann: Annäherung an Armenien: Geschichte und Gegenwart. 2. Aufl. München: Beck, 2006


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