Armenische Sprache


Yeghishe Charents

„Den Sonnengeschmack in der Sprache
meines Armeniens liebe ich“

Yeghische Tscharentz, „Mein Armenien“, 1920

Die armenische Sprache | Die Armenistik in Deutschland



Die armenische Sprache

Nächst der Kirche ist die Sprache wie kein anderes Kulturgut sonst das Sinnbild und Symbol des armenischen Volkes. Nicht ohne Grund schreibt der armenische Dichter Gevorg Emin, dass die Buchstaben des armenischen Alphabets 1600 Jahre die nationale Identität unseres Volkes verteidigt haben, wie ein kleines Heer von 36 wackeren Soldaten.Die Entstehung des armenischen Volkes vollzog sich in grauen Vorzeiten, jedenfalls nicht später als im zweiten und ersten Jahrtausend vor Christus. Die exakten Umstände seiner Herkunft sind noch nicht vollständig geklärt. Die gegenwärtige Wissenschaft geht davon aus, dass sich der Prozess der Entstehung des armenischen Volkes im Armenischen Hochland vollzogen hat. An der Volkwerdung nahmen verschiedene Stämme teil, die sich allmählich zu einem Volk zusammenschlossen. Eine führende Rolle in diesem langwierigen und komplizierten Prozess spielten die Stämme, deren Sprache zur indogermanischen Sprachfamilie gehörte.Auf den ersten Blick hat die armenische Sprache nicht viel mit jener Sprachfamilie zu tun, in die sie eingereiht wird: die indogermanische Sprachfamilie. So stellt das Armenische sich ähnlich dem Griechischen und Albanischen einen eigenen Zweig der östlichen indogermanischen Sprachfamilie dar, wobei sich aber die verwandtschaftlichen Beziehungen zum Griechischen und besonders zum Persischen nicht leugnen lassen.Noch zu Anfang des 4. Jahrhunderts standen in Armenien die urartäische Keilschrift bzw. die syrische, griechische oder persische Schrift in Gebrauch. Im Jahre 387 wurde Armenien zwischen dem Römischen Reich und dem Perserreich aufgeteilt. Als Folge der Teilung war das armenische Volk dem Versuch einer kulturellen Vergewaltigung insbesondere durch die persische Herrschaft ausgesetzt. Zunehmend sah es die armenische Kirche als ihre Aufgabe an, die Einheit des armenischen Volkes und die Eigenständigkeit seiner Kultur zu bewahren – und d.h., sich als armenische Nationalkirche zu begreifen. Als ein wesentliches Mittel, dies zunächst zu gewährleisten und darüber hinaus ein Instrument für die nachhaltige Verbreitung des Christentums in Armenien zu besitzen, muss die Einführung eines eigenen armenischen Alphabets angesehen werden, deren Initiative unmittelbar auf die Kirchenleitung zurückgeht.Die Schaffung dieses eigenständigen armenischen Alphabets geht auf den Mönch und späteren Bischof Mesrop Maschtoz zurück. Nach Einführung des armenischen Alphabets in den Jahren 405 – 406 wurden neben der Heiligen Schrift (435 – 436) auch die wichtigsten klassischen Werke der Kirchenväter ins Armenische übersetzt; ebenso entstand langsam eine eigene weltliche armenische Nationalliteratur. Die Armenische Kirche hat den Schöpfer des Nationalalphabets heiliggesprochen, die Gläubigen ehren ihn noch immer mit dem ehrenvollen Beinamen „großer Lehrer“.Mesrop Maschtotz hat eine sogenannte phonetische Schrift für armenische Sprache geschaffen, das bedeutet, dass jedem Buchstaben ein Laut entspricht. Die Sprache, die seit der Schriftschaffung als Alt-armenisch oder Grabar (Schriftsprache) bezeichnet wird, unterschied 36 Laute, darunter sieben Vokale und 29 Konsonanten sowie eine Reihe von Diphthongen. Das armenische Alphabet ist offensichtlich nach dem Vorbild des Griechischen gereiht.Armenisch wird historisch betrachtet in drei große Sprachstufen eingeteilt: in das bereits erwähnte Alt-armenische oder Grabar, das Mittelarmenische und das Neuarmenische. Graber hat sich seine einzigartige Bedeutung für das christliche Armenien bewahrt, es ist nach wie vor die Sprache des armenischen Gottesdienstes. Die ersten dialektalen und volkssprachlichen Einflüsse lassen sich schon auf das frühe 6. Jahrhundert datieren, tatsächlich sind sie aber erst in der neuen, volksnahen Variante des Mittelarmenischen ab dem 10. Jahrhundert eindeutig nachzuvollziehen. In den nächsten Jahrhunderten wurde auch das armenische Grammatiksystem verändert, die schon zuvor gespaltenen Dialekte werden durch Fremdherrscher noch stärker voneinander getrennt, die ersten Auswanderer nahmen ihre Sprache mit in die neuen armenischen Kolonien und vermischten nach und nach ihre armenische Dialekte mit den Fremdelementen und schufen damit neue armenische Dialektformen.Mit dem Ende der Blütezeit des Mittelarmenischen im Kilikischen armenischen Reich gegen Ende des 14. Jahrhunderts findet die dialektale Trennung in Ost und West ihre Fortsetzung in der Herausbildung zweier voneinander getrennter Sprachformen, Literaturen und Orthographien: das West- und Ost-armenischen. Die Anfänge des Neuarmenischen liegen vermutlich im 16. Jahrhundert. In 18. und 19. Jahrhunderten bemühen die armenische Sprachwissenschaftler sowohl das Neuwestarmenische als auch das Neuostarmenische schriftlich festzulegen und damit zu normieren, wobei wurden das Neuwestarmenische auf der Grundlage des Dialektes von Konstantinopel (Istanbul) und das Neuost-armenische auf der Grundlage des Dialektes von Jerewan und Ararattal geschaffen.Bis heute sind die Armenier in aller Welt nicht nur durch Berge, Seen, Ozeane und politische Grenzen voneinander getrennt, ihrer Trennung spiegelt sich auch in ihrer Sprache wider. Während das West-armenische die Sprache der armenischen Diaspora im Westen, also in den traditionellen Diaspora-Ländern wie der Türkei, den Ländern des nahen Ostens, in Europa und Amerika ist, ist das Ostarmenische vor allem die Sprache der Republik Armenien sowie der Armenier im Iran, in Georgien und Russland.Armenisch ist außerdem sehr stark dialektal gegliedert, heute zählt man an die 50 Dialektgruppen mit ca. 120 Dialekten, wobei alleine in Armenien, bedingt durch die topographische Gestaltung des Landes, schon sehr viele unterschiedliche Dialekte gesprochen werden.


Die Armenistik in Deutschland

Die Armenistik, die sich im 19. Jahrhundert nicht zuletzt aufgrund der Bemühungen der Mechitaristen als Wissenschaft etablierte, hatte bereits um 1700 Vorläufer in Deutschland. Der Sprachgelehrte Andreas Acoluthus etwa gab 1680 mit einer kommentierten Ausgabe einer armenischen Übersetzung des Propheten Abdias das erste in Deutschland gedruckte Werk in armenischer Sprache heraus. Der nachmalige Marburger Professor Johann Joachim Schröder, ein Schüler des armenischen Bischofs von Amsterdam, Thomas Vanandezi, verfasste einen Thesaurus der armenischen Sprache, der 1711 in Amsterdam erschien. Der Orientalist Karl Friedrich Naumann studierte bei den Mechitaristen in Venedig und schrieb 1836 den ersten Versuch einer Geschichte der armenischen Literatur. Der Berliner Orientalist Franz Bopp, der Begründer der Indogermanistik in Deutschland, und sein Nachfolger Heinrich Petermann sowie Paul de Lagarde in Göttingen und Friedrich Müller in Wien untersuchten die armenische Sprache und ihre Geschichte und ordneten sie den iranischen Sprachen zu. Erst 1875 gelang Heinrich Hübschmann der Nachweis, dass das Armenische innerhalb der indoeuropäischen Sprachen einen eigenen Zweig darstellt. Eine erste Gesamtdarstellung Armeniens in deutscher Sprache verfasste der seinerzeit populäre Reiseschriftsteller Armand Freiherr von Schweiger-Lerchenfeld im Jahr 1878 aus Anlass des gerade beendeten russisch-türkischen Krieges, der in Armenien einen der wichtigsten Kriegsschauplätze gehabt hatte.Lehrstühle fürs Altarmenische sind um 1830 an der Humboldt-Universität Berlin, in Hamburg, Jena, Leipzig und Halle eingerichtet worden.

Im Jahre 1920 gründete der Orientalist und Philologe Professor Joseph Marquardt in Berlin den Lehrstuhl für Armenistik, die bis heute am Institut für Indogermanistik und Vergleichende Sprachwissenschaft der Freien Universität Berlin als Lehrfach angeboten wird. Auf Initiative von Manuk Abeghian wandte sich Marquardt 1925 an das Preußische Kultusministerium und bat den damaligen Kultusminister um Erlaubnis, auch Neuarmenisch am Seminar für Orientalische Sprachen der Universität Berlin zu unterrichten. Im Jahre 1926 ging dieser Wunsch in Erfüllung, und Manuk Abeghian wurde vom 1926 bis 1945 als Dozent für das Neuarmenisch an die Universität berufen. Abeghian folgte Frundschian und diesem Dr. Gerayer Koutcharian, der bis heute diesen Lehrstuhl innehat. Neben Sprache unterrichtet Koutcharian auch Ethnologie, Kultur und Geschichte. Dr. R. Ritter, ein Spezialist im Altarmenischen, doziert ebenfalls an diesem Institut.